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Geschichte unseres Karnevals

Karneval im Hellertal

Der rheinische Karneval ist weit mehr als eine Feier vor Beginn der Fastenzeit. Er verbindet christliche Traditionen, gesellschaftliche Satire, Musik, Tanz, aufwendige Kostüme und ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Viele Formen, die heute mit dem Karneval verbunden werden, entwickelten sich im 19. Jahrhundert. Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei Köln.

Auch der Karneval in Herdorf ist eng mit dieser rheinischen Tradition verbunden. Obwohl der organisierte Herdorfer Karneval später entstand als der Kölner Karneval, wurden zahlreiche Formen übernommen und an die örtliche Kultur angepasst. Dazu gehören Prinz Karneval, Prinzengarde, Tanzmariechen, Polkatanzcorps, Karnevalssitzungen, Sessionsmottos und der Rosenmontagszug.

Gleichzeitig besitzt Herdorf eine eigenständige Karnevalsgeschichte. Der Herdorfer Fastowend verbindet rheinische Einflüsse mit der Geschichte des Hellertals, dem örtlichen Vereinsleben, der katholisch geprägten Tradition und dem besonderen Herdorfer Karnevalsruf „Nadda Jöhh“.

Die Ursprünge des rheinischen Karnevals

Die Ursprünge des rheinischen Karnevals liegen im christlichen Jahreslauf. Vor der vierzigtägigen Fastenzeit wurde noch einmal ausgiebig gegessen, getrunken und gefeiert. Die Fastenzeit beginnt am Aschermittwoch und dient in der christlichen Tradition der Vorbereitung auf Ostern.

Früher waren während des Fastens zahlreiche Lebensmittel verboten oder nur eingeschränkt erlaubt. Dazu gehörten insbesondere Fleisch, Fett, Eier und Milchprodukte. Diese Vorräte wurden vor Beginn der Fastenzeit verbraucht. Daraus entwickelte sich eine Zeit des gemeinsamen Feierns.

Die Bezeichnungen „Fastnacht“, „Fastelovend“ und „Fastowend“ verweisen auf den Abend beziehungsweise die Zeit vor dem Fasten. In Herdorf wird bis heute häufig vom „Fastowend“ gesprochen. Der regionale Ausdruck zeigt, dass der Karneval nicht nur aus Köln übernommen wurde, sondern sich in den unterschiedlichen Mundarten des Rheinlands und seiner Randregionen eigene Namen und Formen entwickelt haben.

Herdorf war historisch stark durch das katholische Leben geprägt. Die kirchliche Fastenzeit und die vorhergehenden Fastnachtstage waren dadurch im Alltag vieler Menschen präsent. Die religiöse Ordnung des Jahres bildete somit auch hier eine wichtige Grundlage für die Entstehung des Karnevals.

Häufig wird behauptet, der Karneval gehe unmittelbar auf germanische Frühlingsfeste oder Rituale zur Vertreibung des Winters zurück. Solche Erklärungen sind populär, historisch aber nicht eindeutig nachweisbar. Die Forschung betrachtet den Karneval vor allem als Fest, das sich innerhalb des christlich geprägten europäischen Jahreskalenders entwickelte.

Karneval als Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung

Ein wichtiger Bestandteil des Karnevals ist die zeitweilige Umkehrung der gewohnten Ordnung. Für einige Tage werden gesellschaftliche Rollen spielerisch vertauscht. Ein gewöhnlicher Bürger kann zum Prinzen werden, Untergebene dürfen sich über Herrschende lustig machen und Männer oder Frauen können in andere Rollen schlüpfen.

Diese Umkehrung ist jedoch nur vorübergehend. Sie beginnt mit der närrischen Zeit und endet spätestens am Aschermittwoch. Danach kehrt die alltägliche Ordnung zurück.

Auch der Herdorfer Karneval folgt diesem Prinzip. Der Herdorfer Prinz, eine Prinzessin, ein Prinzenpaar oder ein Prinzessinnenpaar übernimmt während der Session symbolisch die närrische Herrschaft. Die Tollität wird von einem eigenen Gefolge begleitet und steht im Mittelpunkt der Veranstaltungen.

Damit folgt Herdorf einem Grundgedanken des rheinischen Karnevals: Während der Session regiert nicht der politische Alltag, sondern der Fastowend.

Karneval als Freiraum für Humor und Kritik

Karneval bedeutet nicht nur Feiern. Er schafft auch einen geschützten Raum für Spott, Übertreibung und gesellschaftliche Kritik. Politiker, öffentliche Personen und örtliche Ereignisse werden humorvoll dargestellt und „auf die Schippe genommen“.

Aus dieser Tradition entwickelten sich unter anderem:

  • die Büttenrede
  • das politische Karnevalslied
  • die Karnevalszeitung
  • satirische Bühnenauftritte
  • Persiflagewagen in Karnevalsumzügen

Auch in Herdorf besitzt die karnevalistische Satire eine lange Tradition. Seit 1928 gibt es eine Herdorfer Karnevalszeitung, die unter verschiedenen Namen erschien. Seit 1974 trägt sie den Namen „Herdorfer Narrenspiegel“.

Im Narrenspiegel werden Anekdoten, Kuriositäten und Ereignisse aus dem Herdorfer Stadtleben humorvoll aufgearbeitet. Zugleich stellt er die Tollität, das Gefolge, die Abteilungen der KG Herdorf und die Veranstaltungen der jeweiligen Session vor.

Damit erfüllt der Herdorfer Narrenspiegel eine ähnliche Funktion wie die politischen Reden, Lieder und Persiflagen des Kölner Karnevals: Er hält der Gesellschaft einen humorvollen Spiegel vor.

Köln und die Entstehung des organisierten Karnevals

Karneval wurde in Köln bereits lange vor dem 19. Jahrhundert gefeiert. Der heute bekannte organisierte Kölner Karneval entstand jedoch im Jahr 1823.

Nach dem Ende der französischen Herrschaft gehörte Köln seit 1815 zu Preußen. Das öffentliche Karnevalstreiben galt den Behörden teilweise als unkontrolliert und unordentlich. Es bestand die Gefahr, dass Feiern eingeschränkt oder vollständig verboten würden.

Kölner Bürger beschlossen deshalb, dem Karneval einen festen organisatorischen Rahmen zu geben. Im Jahr 1823 gründeten sie das „Festordnende Comité“, aus dem später das Festkomitee Kölner Karneval hervorging.

Am 10. Februar 1823 fand der erste organisierte Kölner Rosenmontagszug statt. Er trug das Motto „Thronbesteigung des Helden Carneval“.

Die Kölner Reform von 1823 war nicht die Erfindung des Karnevals. Neu waren vielmehr die feste Organisation, das gemeinsame Motto, die geplante Zugordnung, die offiziellen Repräsentanten und die koordinierten Veranstaltungen.

Dieses Modell verbreitete sich in den folgenden Jahrzehnten im Rheinland. Auch kleinere Städte und Gemeinden gründeten Karnevalsvereine und übernahmen einzelne Formen des Kölner Karnevals.

Die Anfänge des Karnevals in Herdorf

Die älteste mündliche Überlieferung zum Karneval in Herdorf stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Fuhrmann August Düber hielt schriftlich fest, dass im Jahr 1878 ein Fastnachtszug durch Herdorf zog.

Damit ist der Herdorfer Karneval zwar jünger als der 1823 organisierte Kölner Karneval, besitzt aber dennoch eine weit über hundertjährige Geschichte.

Im Jahr 1898 wurde August Düber zum ersten bekannten Herdorfer Prinz Karneval. 1904 gründete er gemeinsam mit weiteren Karnevalisten den Herdorfer Karnevalsverein, aus dem die heutige KG Herdorf 1904 e.V. hervorging.

Die Gründer stammten aus dem bereits 1870 gegründeten Maiverein. Dieser gilt deshalb als Vorläufer der KG Herdorf.

Die Entwicklung zeigt deutliche Ähnlichkeiten zum Kölner Vorbild. Ein zunächst lockeres und öffentliches Fastnachtstreiben wurde schrittweise organisiert. Es entstanden ein fester Verein, ein Prinz Karneval, geplante Veranstaltungen und ein Rosenmontagszug.

Herdorf übernahm jedoch nicht einfach den Kölner Karneval. Die Formen wurden an die örtlichen Gegebenheiten angepasst. Daraus entstand ein eigenständiger Karneval im Hellertal.

Vom Helden Carneval zum Prinzen Karneval

Im Mittelpunkt des ersten organisierten Kölner Rosenmontagszuges von 1823 stand der „Held Carneval“. Er war keine historische Person, sondern eine Symbolfigur. Der Held verkörperte den Karneval selbst und sollte während der närrischen Zeit über das feiernde Volk herrschen.

Der erste bekannte Darsteller war der Kölnisch-Wasser-Fabrikant Emanuel Ciolina Zanoli.

Im Jahr 1872 wurde aus dem Helden Carneval der „Prinz Karneval“. Die Bezeichnung entsprach dem damaligen Zeitgeist, der stark von Fürstenhäusern, höfischen Zeremonien und prächtigen Uniformen geprägt war.

Der Prinz wurde zum höchsten Repräsentanten der jeweiligen Karnevalssession. Er besitzt keine politische Macht, sondern übernimmt eine symbolische Herrschaft.

Diese Tradition gelangte auch nach Herdorf. Mit August Düber ist für 1898 der erste Herdorfer Prinz Karneval dokumentiert. Seitdem steht die jeweilige Tollität im Zentrum des Herdorfer Karnevals.

Die Bedeutung der Tollität in Herdorf

Während Köln traditionell durch ein Dreigestirn repräsentiert wird, ist der Herdorfer Karneval nicht auf diese Form festgelegt. In Herdorf können unterschiedliche Tollitäten die Session anführen:

  • ein Prinz
  • eine Prinzessin
  • ein Prinzenpaar
  • ein Prinzessinnenpaar
  • eine Kindertollität

Diese Offenheit zeigt, wie eine ursprünglich rheinische Tradition lokal weiterentwickelt wurde.

Die Tollität repräsentiert die KG Herdorf und den Herdorfer Karneval bei Sitzungen, Empfängen, Umzügen und Besuchen befreundeter Vereine. Sie wird von einem Gefolge begleitet, zu dem unter anderem die Prinzengarde und das Polkatanzcorps gehören.

Die Herdorfer Tollität ist damit das lokale Gegenstück zum Kölner Prinzen beziehungsweise zum Kölner Dreigestirn. Sie steht für Freude, Gemeinschaft und die symbolische Herrschaft des Fastowends.

Das Kölner Dreigestirn

Eine Besonderheit des Kölner Karnevals ist das Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau. Es wird auch als „Trifolium“ bezeichnet.

Die drei Figuren traten nicht von Anfang an gemeinsam auf. Der Held Carneval war bereits 1823 Teil des organisierten Karnevals. Bauer und Jungfrau sind spätestens seit 1825 als Figuren des Kölner Rosenmontagszuges nachweisbar. Die Bezeichnung „Dreigestirn“ wird offiziell seit 1938 verwendet.

Der Prinz

Der Prinz ist der närrische Herrscher. Er verkörpert den Karneval und repräsentiert Freude, Humor und die besondere Freiheit der närrischen Zeit.

Zu seinen Zeichen gehören ein prächtiges Ornat, eine Krone oder Prinzenmütze sowie häufig eine Pritsche oder ein Zepter.

Auch in Herdorf trägt die Tollität ein festliches Ornat und führt ein Zepter. Diese sichtbaren Zeichen unterstreichen die symbolische Regentschaft während der Session.

Der Bauer

Der Kölner Bauer symbolisiert die Wehrhaftigkeit und Selbstständigkeit der Stadt Köln. Er trägt einen Dreschflegel und erhält bei der Proklamation symbolisch die Stadtschlüssel.

Sein Kopfschmuck mit Pfauenfedern erinnert an die frühere Stellung Kölns als freie Reichsstadt.

Eine unmittelbar entsprechende Figur gibt es im Herdorfer Karneval nicht. Die Aufgabe des Bauern, für Heimatverbundenheit und den Schutz der Stadt zu stehen, findet sich jedoch auch in Herdorf in anderer Form wieder. Die Tollität repräsentiert nicht nur den Verein, sondern zugleich das Städtchen Herdorf und seine örtliche Gemeinschaft.

Die Jungfrau

Die Kölner Jungfrau verkörpert die Stadt Köln. Sie erinnert an Agrippina die Jüngere, die in Köln geboren wurde. Ihre Krone stellt die Kölner Stadtmauer mit ihren Türmen dar.

Traditionell wurde die Jungfrau von einem Mann dargestellt. Dies gehört zur karnevalistischen Tradition des Rollenwechsels.

Auch wenn Herdorf kein festes Dreigestirn besitzt, ist der Grundgedanke vergleichbar: Die närrische Repräsentation soll eine Verbindung zwischen Karneval, Stadt und Bevölkerung herstellen.

Prinzengarden und Traditionskorps

Garden gehören zu den bekanntesten Erscheinungen des rheinischen Karnevals. Ihre Uniformen erinnern an das Militär des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie entstanden jedoch nicht nur aus der Bewunderung für militärische Formen. Häufig waren sie zugleich eine humorvolle Nachahmung und Übertreibung des Militärs.

Im Kölner Karneval wurden Marschieren, Salutieren, Dienstgrade und Uniformen bewusst in einen närrischen Zusammenhang versetzt. Ein karnevalistischer General besitzt keine wirkliche Befehlsgewalt und eine Garde zieht nicht in den Krieg, sondern in den Sitzungssaal.

Statt militärischer Macht stehen Musik, Tanz, Orden und Humor im Mittelpunkt.

Die Prinzengarde der KG Herdorf

Auch die KG Herdorf besitzt eine eigene Prinzengarde. Sie wurde 1982 gegründet und besteht seit 1994 in ihrer heutigen Form.

Die Herdorfer Prinzengarde ist an ihren grünen Uniformjacken zu erkennen. Sie gehört zum festen Gefolge der jeweiligen Tollität und begleitet diese zu ihren Auftritten.

Damit erfüllt sie dieselbe symbolische Aufgabe wie viele Garden des Kölner und rheinischen Karnevals: Sie bildet den festlichen Rahmen der närrischen Regentschaft und sorgt für ein geschlossenes Erscheinungsbild des Gefolges.

Die Uniformen verbinden die militärisch anmutende Form der rheinischen Traditionskorps mit den eigenen Farben und Merkmalen der KG Herdorf. Die Herdorfer Prinzengarde ist somit ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie Kölner und rheinische Karnevalsformen im Hellertal übernommen und lokal gestaltet wurden.

Warum tragen Karnevalisten Uniformen?

Karnevalistische Uniformen erfüllen mehrere Funktionen. Sie zeigen die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, erinnern an historische Vorbilder und verwandeln militärischen Ernst in närrisches Spiel.

Typische Bestandteile sind:

  • farbige Uniformjacken
  • Dreispitze oder andere historische Kopfbedeckungen
  • Orden und Schärpen
  • Epauletten
  • weiße Hosen
  • Stiefel
  • Federbüsche
  • Säbel- oder Zepterattrappen

Die Uniformen sind meist keine wissenschaftlich genauen Rekonstruktionen historischer Kleidung. Sie verbinden unterschiedliche Vorbilder zu einem bewusst festlichen und überzeichneten Erscheinungsbild.

Auch die Uniformen der KG Herdorf schaffen Wiedererkennung. Die grünen Jacken der Prinzengarde, die Kostüme der Tanzgruppen und das Ornat der Tollität machen die einzelnen Abteilungen sofort erkennbar.

Das Tanzmariechen

Das Tanzmariechen, Funkenmariechen oder die Regimentstochter ist eine der bekanntesten Figuren des rheinischen Karnevals.

Die Figur erinnert an Marketenderinnen, die frühere Truppen begleiteten und die Soldaten unter anderem mit Lebensmitteln und Getränken versorgten. Im Karneval wurde diese Rolle zunächst häufig von Männern dargestellt. Der Rollenwechsel gehörte zur karnevalistischen Komik.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde das Tanzmariechen zunehmend von Frauen dargestellt. Heute ist die Rolle mit hohen sportlichen Anforderungen verbunden. Moderne Darbietungen verbinden Gardetanz, Polka, Ballett, Akrobatik und turnerische Elemente.

Sprünge, Drehungen, Spagat und Hebefiguren erfordern jahrelanges Training.

Die Mariechen der KG Herdorf

Auch im Herdorfer Karneval besitzt das Mariechen eine lange Tradition. Für das Jahr 1954 ist mit Marianne Heidrich ein Herdorfer Mariechen dokumentiert. Weitere Mariechen folgten über die Jahrzehnte.

Die Mariechengalerie der KG Herdorf zeigt, dass die Rolle spätestens seit der Nachkriegszeit ein fester Bestandteil des Vereins ist. Von 2020 bis 2026 wurde die KG Herdorf durch Mariechen Ira Klein repräsentiert. Seit 2026 übernimmt Nele Hölzer diese Rolle.

Das Herdorfer Mariechen verbindet damit die historische Figur des rheinischen Karnevals mit modernem Tanzsport. Es tritt bei den eigenen Sitzungen, bei Veranstaltungen befreundeter Vereine und gemeinsam mit dem Gefolge der Tollität auf.

Polkatanzgruppen und Gardetanz

Die Bezeichnung „Polkatanzgruppe“ wird häufig für karnevalistische Tanzgruppen verwendet, die schnelle Tänze zu Polka- oder Marschmusik aufführen.

Der heutige Gardetanz entwickelte sich aus verschiedenen Einflüssen:

  • den Tänzen karnevalistischer Korps
  • der Tradition des Funkenmariechens
  • Ballett und Bühnentanz
  • Akrobatik und Turnen
  • der Revuekultur des frühen 20. Jahrhunderts

Heute gehören Solomariechen, Tanzpaare, Kindergruppen, Jugendgarden, Polkatanzcorps und Showtanzgruppen zum karnevalistischen Tanz.

Das Polkatanzcorps der KG Herdorf

Das Polkatanzcorps ist ein fester Bestandteil der KG Herdorf. Die Gruppe begleitet die jeweilige Tollität zu ihren Terminen und präsentiert ihren Gardetanz bei den eigenen Sitzungen sowie bei Veranstaltungen befreundeter Vereine.

Das Corps trainiert regelmäßig, um Schritte, Formationen und tänzerische Elemente einzustudieren. Damit verbindet es die traditionelle Rolle einer Begleitgruppe mit den Anforderungen des modernen Tanzsports.

Die KG Herdorf besitzt darüber hinaus mehrere Tanzgruppen für unterschiedliche Altersklassen. Dazu gehören unter anderem die KG Minis, das Kindertanzcorps, das Jugendtanzcorps, das Jugendtanzpaar, das Mariechen, das Polkatanzcorps und das Showtanzcorps.

Die verschiedenen Gruppen zeigen, dass der Karneval in Herdorf nicht nur während der Session stattfindet. Training, Nachwuchsarbeit und Vereinsleben erstrecken sich über das gesamte Jahr.

Kostüme und Verkleidung im Karneval

Das Verkleiden gehört zu den ältesten Bestandteilen des Karnevals. Ein Kostüm ermöglicht es, für kurze Zeit die eigene alltägliche Rolle abzulegen.

Historisch erfüllten Masken und Verkleidungen verschiedene Funktionen:

  • Sie ermöglichten eine zeitweilige Anonymität.
  • Sie machten den Wechsel gesellschaftlicher Rollen möglich.
  • Sie erleichterten Kritik und Spott.
  • Sie verwandelten den öffentlichen Raum in eine närrische Gegenwelt.
  • Sie stärkten die Gemeinschaft der Feiernden.

Von der einfachen Pappnase bis zum aufwendig gestalteten Ornat sind alle Formen möglich. Neben uniformierten Gesellschaften stehen individuell verkleidete Jecken, Clowns, Fantasiefiguren und aktuelle politische Kostüme.

Auch der Herdorfer Rosenmontagszug lebt von dieser Vielfalt. Vereine, Freundeskreise, Familien und Wagenbaugruppen bringen eigene Themen, Kostüme und Ideen in den Zug ein. Dadurch wird der Karneval nicht ausschließlich von der KG Herdorf gestaltet, sondern von vielen Gruppen aus dem gesamten Städtchen mitgetragen.

Karnevalssitzungen

Die Karnevalssitzung entwickelte sich aus den organisierten Versammlungen der Karnevalsgesellschaften im 19. Jahrhundert. Sie folgt meist einem geplanten Programm und wird von einem Sitzungspräsidenten geleitet.

Typische Bestandteile einer Sitzung sind:

  • der Einzug der Gesellschaft
  • die Begrüßung durch das Präsidium
  • der Auftritt der Tollität
  • Büttenreden und Zwiegespräche
  • Musik und Karnevalslieder
  • Tanzgruppen und Mariechen
  • Ordensverleihungen
  • der gemeinsame Auszug

Die sogenannte Bütt war ursprünglich ein Fass oder ein fassähnliches Rednerpult. Von dort aus hielt der Redner seine humorvolle oder politische Ansprache.

Auch in Herdorf sind Sitzungen ein zentraler Bestandteil der Session. Neben Veranstaltungen der KG Herdorf gestalten weitere Vereine und Gruppen eigene Karnevalssitzungen. Das zeigt, wie tief der Fastowend im gesamten Herdorfer Vereinsleben verankert ist.

Karnevalslieder und Herdorfer Mundart

Musik schafft im Karneval Gemeinschaft. Viele Lieder werden von Generation zu Generation weitergegeben und entwickeln sich zu musikalischen Erkennungszeichen einer Stadt oder eines Vereins.

In Köln sind kölsche Lieder ein wesentlicher Bestandteil der lokalen Identität. Sie erzählen von der Stadt, ihren Menschen, ihrer Sprache und ihrem Lebensgefühl.

Auch Herdorf besitzt eigene Karnevalslieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägte besonders Franz Zöller als Präsident, Dichter und Sänger den Herdorfer Karneval. Mehrere seiner Lieder wurden zu festem Allgemeingut.

Ebenfalls bekannt ist das Lied „Komm einmal ins Hellertal, wo man feiert Karneval“. Es verbindet den rheinischen Gedanken des gemeinschaftlichen Singens mit einer klaren örtlichen Identität.

Der Herdorfer Fastowend besitzt dadurch einen eigenen Klang. Er übernimmt nicht nur kölsche Traditionen, sondern erzählt in Liedern und Mundart von Herdorf und dem Hellertal.

Die Herdorfer Domspatzen

Eine besondere Form der karnevalistischen Satire entstand 1965 mit den Herdorfer Domspatzen.

Die Gruppe ging aus einer Schola hervor, einem Singkreis junger Männer, und wurde von Kaplan Siebenborn gegründet. In Frack und Zylinder greifen die Domspatzen örtliche Ereignisse und bekannte Persönlichkeiten auf.

Ihre Auftritte bewegen sich zwischen musikalischer Parodie und humorvollem Spiegelvorhalten. Damit führen sie die alte rheinische Tradition der gesellschaftlichen und politischen Karnevalssatire auf lokale Weise fort.

Dass ein Kaplan an der Gründung beteiligt war, zeigt zugleich die enge Verbindung zwischen dem Herdorfer Vereinsleben, der katholisch geprägten örtlichen Kultur und dem Karneval.

Karnevalsumzüge und Rosenmontag

Umzüge gab es im Rheinland bereits vor dem organisierten Karneval. Der Kölner Rosenmontagszug von 1823 gab ihnen jedoch eine neue, fest geplante Form.

Ein Karnevalszug erfüllt mehrere Funktionen:

  • Er bringt den Karneval aus den Sälen auf die Straße.
  • Er präsentiert Vereine, Garden und Tanzgruppen.
  • Er verbindet aktive Teilnehmer und Zuschauer.
  • Er greift gesellschaftliche Themen humorvoll auf.
  • Er schafft ein gemeinsames Erlebnis für die ganze Stadt.

Besonders bekannt sind die politischen Persiflagewagen des Kölner Rosenmontagszuges. Sie kommentieren Politiker, gesellschaftliche Entwicklungen und internationale Ereignisse durch überzeichnete Figuren und Szenen.

Der Rosenmontagszug in Herdorf

Für Herdorf ist bereits für das Jahr 1878 ein Fastnachtszug dokumentiert. Der Umzug gehört damit zu den ältesten belegten Bestandteilen des Herdorfer Karnevals.

Der Rosenmontagszug entwickelte sich zu einem Höhepunkt der Herdorfer Session. Die KG Herdorf, andere Vereine, Gruppen, Wagenbauer und zahlreiche Einzelpersonen gestalten gemeinsam den Zug durch das Städtchen.

Wie in Köln treffen dabei organisierte Karnevalsgesellschaft, Tollität, Garden, Musik, Wagenbau und frei kostümierte Gruppen aufeinander. Anders als in einer Großstadt besitzt der Herdorfer Zug jedoch einen besonders persönlichen Charakter. Viele Teilnehmer und Zuschauer kennen einander, örtliche Themen werden unmittelbar verstanden und zahlreiche Vereine wirken gemeinsam mit.

Der Herdorfer Rosenmontagszug ist deshalb zugleich rheinischer Karneval und Ausdruck einer eigenen lokalen Gemeinschaft.

Wagenbau und Persiflage

Der Wagenbau verbindet Handwerk, Kunst, Humor und politische beziehungsweise gesellschaftliche Beobachtung.

In Köln sind die großen Persiflagewagen für ihre aufwendigen Figuren und ihre politische Deutlichkeit bekannt. In kleineren Städten stehen neben politischen Themen häufig örtliche Ereignisse, Vereinsgeschichten und humorvolle Alltagssituationen im Mittelpunkt.

Auch die KG Herdorf besitzt eine eigene Wagenbauabteilung. Dort entstehen die Wagen für den Rosenmontagszug sowie weitere Aufbauten für Veranstaltungen.

Die Herdorfer Wagenbauer übertragen damit eine zentrale Tradition des Kölner Straßenkarnevals auf die örtlichen Möglichkeiten. Gleichzeitig greifen sie Themen auf, die speziell für die Menschen in Herdorf verständlich und relevant sind.

Warum werden Kamelle geworfen?

Das Werfen von Süßigkeiten und kleinen Geschenken verbindet die Teilnehmer eines Karnevalszuges mit den Zuschauern.

In Köln ruft das Publikum „Kamelle!“ und erhält Bonbons, Schokolade oder andere kleine Gaben. Darüber hinaus werden dort häufig „Strüßjer“, kleine Blumensträuße, verteilt.

Das Werfen kann als symbolisches Schenken und Teilen verstanden werden. Die närrischen Repräsentanten verteilen ihren Reichtum an das Volk.

Auch beim Herdorfer Rosenmontagszug gehören Süßigkeiten und kleine Wurfmaterialien fest dazu. Kinder und Erwachsene säumen die Straßen, während die Zugteilnehmer ihre Kamelle verteilen. Der ursprünglich kölsche Begriff hat sich dabei weit über Köln hinaus im rheinischen Karneval verbreitet.

Die Karnevalssession und ihre wichtigsten Termine

Die Karnevalszeit wird als Session bezeichnet. Sie beginnt offiziell am 11. November um 11:11 Uhr und endet am Aschermittwoch.

Die Zahl Elf gilt als Narrenzahl. Eine vollständig gesicherte und überall gültige Erklärung für ihre Bedeutung gibt es jedoch nicht.

Auch in Herdorf beginnt die Session traditionell am 11.11. Die wichtigsten Veranstaltungen werden im Herdorfer Narrenfahrplan zusammengefasst. Dazu gehören Kinderkarneval, Sitzungen, Altweiber, Rosenmontagszug und der Karnevalsausklang.

11. November: Beginn der Session

Am „Elften im Elften“ wird die neue Karnevalssession eröffnet. Häufig werden das Sessionsmotto und die neue Tollität vorgestellt oder proklamiert.

In Herdorf besitzt der 11.11. eine feste Tradition. Die Tollität übernimmt symbolisch die närrische Regentschaft und eröffnet gemeinsam mit der KG Herdorf die neue Session.

Der Kölner Sessionsbeginn wurde damit auch in Herdorf übernommen, jedoch mit eigenen Programmpunkten, eigenen Liedern und dem Herdorfer Karnevalsruf.

Prinzenparty und Proklamation

Bei der Proklamation wird der Prinz, die Prinzessin oder eine andere Tollität feierlich in das Amt eingeführt.

In Köln findet die große Prinzenproklamation gewöhnlich im Januar statt. In Herdorf wird die neue Tollität häufig bereits bei der Prinzenparty vorgestellt. Am 11.11. folgt die offizielle Eröffnung der Session beziehungsweise Proklamation.

Dabei erhält die Tollität ihre Insignien und präsentiert sich gemeinsam mit dem Gefolge erstmals offiziell dem närrischen Publikum.

Advent und Weihnachtszeit

Obwohl die Session am 11. November beginnt, wird der öffentliche Karneval während Advent und Weihnachten meist ruhiger. Die eigentliche Sitzungssaison beginnt vielerorts erst nach dem Jahreswechsel.

Das gilt grundsätzlich auch für Herdorf. Nach dem Sessionsauftakt verlagert sich die Vorbereitung wieder stärker in die Vereine, bevor im neuen Jahr die Sitzungen und öffentlichen Auftritte beginnen.

Weiberfastnacht oder Altweiber

Weiberfastnacht ist der Donnerstag vor Aschermittwoch. An diesem Tag beginnt der Straßenkarneval.

Frauen übernehmen symbolisch die Macht, Rathäuser werden gestürmt und vielerorts werden Männern die Krawatten abgeschnitten.

Eine wichtige neuere Form der Weiberfastnacht entwickelte sich im Bonner Stadtteil Beuel. Dort gründeten Wäscherinnen im 19. Jahrhundert ein eigenes Damenkomitee und widersetzten sich der männlichen Vorherrschaft im öffentlichen Karneval.

Auch in Herdorf wird der Tag als Altweiber gefeiert. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Herdorfer Mädchen, die aus der Tradition der Möhnen hervorgegangen sind. Sie stehen für die weibliche Beteiligung am Herdorfer Straßen- und Sitzungskarneval.

Darüber hinaus besitzt auch die katholische Frauengemeinschaft in Herdorf eine eigene karnevalistische Tradition. Das verdeutlicht erneut die Verbindung zwischen dem katholisch geprägten Gemeinschaftsleben und dem Herdorfer Fastowend.

Karnevalsfreitag und Karnevalssamstag

An diesen Tagen finden Sitzungen, Partys, Kostümveranstaltungen und örtliche Feiern statt. Das genaue Programm unterscheidet sich von Ort zu Ort.

Auch in Herdorf beteiligen sich neben der KG weitere Vereine, Gaststätten und Gruppen an der Gestaltung der närrischen Tage. Der Karneval wird dadurch zu einem Gemeinschaftsereignis des gesamten Städtchens.

Karnevalssonntag

Am Karnevalssonntag finden vielerorts Kinder-, Jugend-, Schul- und Stadtteilzüge statt. In Köln ziehen traditionell die „Schull- un Veedelszöch“ durch die Stadt.

In Herdorf prägen an diesem Wochenende ebenfalls Kinderkarneval, Sitzungen und Veranstaltungen der örtlichen Vereine das Programm. Die Nachwuchsgruppen der KG Herdorf sorgen dafür, dass die Tradition an die nächste Generation weitergegeben wird.

Rosenmontag

Der Rosenmontag ist der bekannteste Tag des rheinischen Straßenkarnevals. In Köln findet einer der größten Karnevalsumzüge Deutschlands statt.

Auch in Herdorf ist der Rosenmontagszug der Höhepunkt der Session. Die Tollität, die KG Herdorf, Vereine, Musikgruppen und zahlreiche private Gruppen ziehen gemeinsam durch das Städtchen.

Der Name Rosenmontag hat wahrscheinlich nichts mit der Blume Rose zu tun. Häufig wird er mit dem mittelhochdeutschen Begriff „rasen“ im Sinne von ausgelassenem oder tobendem Verhalten in Verbindung gebracht. Die genaue sprachgeschichtliche Herleitung ist jedoch nicht vollständig gesichert.

Karnevalsdienstag

Am Dienstag endet der Straßenkarneval. In Köln und anderen Orten wird häufig der Nubbel verbrannt. Der Nubbel ist eine Strohpuppe, der symbolisch alle während des Karnevals begangenen Verfehlungen angelastet werden.

In Herdorf gehört der traditionelle Frühschoppen am Karnevalsdienstag zum Narrenfahrplan. Mit dem anschließenden Karnevalsausklang endet die aktive Session.

Hier zeigt sich eine lokale Besonderheit: Während Köln die Nubbelverbrennung besonders stark pflegt, besitzt Herdorf mit dem gemeinsamen Frühschoppen und Ausklang eine eigene Form des Abschieds vom Fastowend.

Aschermittwoch

Am Aschermittwoch endet die Karnevalszeit und die christliche Fastenzeit beginnt.

Viele Karnevalisten treffen sich traditionell zum Fischessen. Uniformen, Orden und Kostüme werden bis zur nächsten Session abgelegt.

Der Termin des Karnevals verändert sich jedes Jahr, weil er vom Osterdatum abhängt. Aschermittwoch liegt 46 Kalendertage vor Ostersonntag. Werden die sechs Sonntage nicht als Fastentage gezählt, ergeben sich die traditionellen 40 Fastentage.

Diese Verbindung zum christlichen Kalender ist auch für den katholisch geprägten Herdorfer Fastowend von Bedeutung. Die närrische Freiheit endet bewusst mit dem Beginn der Fastenzeit.

Unterbrechungen durch Kriege und wirtschaftliche Krisen

Die Geschichte des Karnevals verlief weder in Köln noch in Herdorf ohne Unterbrechungen.

Der Erste Weltkrieg brachte die Vereinsarbeit der KG Herdorf zum Erliegen. Erst Anfang der 1920er-Jahre lebte sie wieder auf. Im Jahr 1925 war der Verein finanziell wieder in der Lage, einen Karnevalsprinzen zu stellen.

1930 musste der Rosenmontagszug aus Geldmangel abgesagt werden. Eine Sitzung konnte nur stattfinden, weil ein Gastwirt ein Fass Bier spendete. 1932 fiel der Herdorfer Karneval erneut aus finanziellen Gründen aus.

Während des Zweiten Weltkriegs fand kein regulärer Karneval statt. Der Herdorfer Prinz Alfons Wagner blieb deshalb von 1939 bis 1947 im Amt und ging als „Alfons der Ewige“ in die Vereinsgeschichte ein.

Diese Unterbrechungen zeigen, dass Karneval immer von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen seiner Zeit abhängig war.

Karneval während des Nationalsozialismus

Auch der rheinische Karneval blieb von der nationalsozialistischen Herrschaft nicht unberührt. Vereine und Veranstaltungen wurden kontrolliert und teilweise an die Ideologie des Regimes angepasst.

Jüdische Mitglieder wurden ausgegrenzt, antisemitische Darstellungen fanden Eingang in Veranstaltungen und traditionelle Geschlechterrollen wurden politisch beeinflusst.

Die Vorstellung, der Karneval sei grundsätzlich ein widerständiger Freiraum geblieben, ist deshalb historisch nicht haltbar. Zwar konnte es einzelne kritische Beiträge geben, große Teile des organisierten Karnevals passten sich jedoch dem Regime an.

Für Herdorf ist in der öffentlich zugänglichen Vereinschronik vor allem dokumentiert, dass während des Zweiten Weltkriegs kein Karneval stattfand. Eine genauere Untersuchung der örtlichen Vereinsgeschichte zwischen 1933 und 1945 müsste auf Grundlage von Vereinsakten, Karnevalszeitungen, Zeitungsarchiven und kommunalen Quellen erfolgen.

Der Neubeginn des Herdorfer Karnevals nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste auch der Herdorfer Karneval neu aufgebaut werden.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die Theaterabteilung des katholischen Knappenvereins. Mehrere Mitglieder engagierten sich für die Wiederbelebung des Fastowends. Darunter waren Albert Bingener, Heribert Euteneuer, Jupp Düber, Günter Hölper und Franz Zöller.

Der katholische Knappenverein verband zwei wichtige Bereiche der Herdorfer Geschichte: das durch Bergbau und Hüttenwesen geprägte Arbeitsleben sowie das katholisch geprägte Vereinswesen.

Dass seine Theaterabteilung den Karneval nach dem Krieg unterstützte, zeigt, wie stark der Herdorfer Fastowend aus dem örtlichen Vereinsleben heraus getragen wurde.

Im Jahr 1950 nahm der Rosenmontagszug eine besonders außergewöhnliche Form an. Da ein Zirkus in Siegen kaum Futter für seine Tiere hatte, vereinbarte die KG Herdorf einen Tausch: Der Zirkus erhielt Futter und im Gegenzug liefen Elefanten, Zebras und Kamele im Herdorfer Rosenmontagszug mit.

Die Krise und Wiederbelebung von 1961 und 1962

1961 geriet die KG Herdorf in finanzielle Schwierigkeiten. Sowohl der Rosenmontagszug als auch sämtliche Sitzungen mussten abgesagt werden.

Bereits 1962 kehrte der Herdorfer Karneval zurück. Neue und jüngere Mitglieder schlossen sich dem Verein an und die Zahl der Teilnehmer am Rosenmontagszug stieg.

Die Vereinschronik beschreibt diese Wiederbelebung als „Auferstehung“. Der Begriff passt nicht nur zur Rückkehr des Karnevals, sondern verweist zugleich auf die christliche Bildsprache, die in einem katholisch geprägten Ort wie Herdorf allgemein verständlich war.

Die Ereignisse zeigen außerdem, welche Bedeutung der Rosenmontagszug für die Stadt besitzt. Ein Herdorf ohne Zug wurde schon damals als kaum vorstellbar empfunden.

Der Bock im Herdorfer Karneval

Eine besondere Tradition der KG Herdorf ist der Bockorden. Er ist die höchste Auszeichnung der Karnevalsgesellschaft.

Der Orden wird an Personen verliehen, die sich in außergewöhnlicher Weise um Herdorf, die Herdorfer Vereine und den Herdorfer Karneval verdient gemacht haben. Neben den Leistungen für die Gemeinschaft spielen auch Witz und Humor eine wichtige Rolle.

Der Bock ist damit eine eigenständige Herdorfer Symbolfigur. Während Köln besonders durch Prinz, Bauer und Jungfrau geprägt wird, hat Herdorf mit dem Bockorden eine eigene karnevalistische Auszeichnung entwickelt.

Der Bock steht hier weniger für eine allgemein gültige Figur des rheinischen Karnevals als für die lokale Identität und Ordenskultur der KG Herdorf.

Der Karnevalsruf „Nadda Jöhh“

Der bekannteste Kölner Karnevalsruf lautet „Kölle Alaaf“. „Alaaf“ wird sinngemäß als „über alles“ oder „alles andere beiseite“ verstanden.

Andere Städte und Regionen besitzen eigene Rufe. Gerade diese Unterschiede zeigen, dass der rheinische Karneval keine einheitliche Kultur ist.

In Herdorf lautet der Karnevalsruf „Nadda Jöhh“. Er ist ein wesentliches Erkennungszeichen des Herdorfer Fastowends und unterscheidet ihn hörbar vom Kölner Karneval.

Während viele äußere Formen wie Prinz, Garde, Mariechen und Rosenmontagszug deutlich vom rheinischen und Kölner Karneval beeinflusst sind, drückt „Nadda Jöhh“ die eigene lokale Identität aus.

Die Bedeutung des Karnevals in Herdorf heute

Der Herdorfer Karneval ist heute zugleich Brauchtum, Kulturveranstaltung, Tanzsport und gesellschaftliches Netzwerk.

Die KG Herdorf besteht aus verschiedenen Abteilungen und Gruppen. Dazu gehören unter anderem:

  • Prinzengarde
  • Wagenbau
  • Herdorfer Mädchen
  • KG Minis
  • Kindertanzcorps
  • Jugendtanzpaar
  • Jugendtanzcorps
  • Mariechen
  • Polkatanzcorps
  • Showtanzcorps

Viele Mitglieder arbeiten ehrenamtlich an Sitzungen, Tänzen, Wagen, Kostümen, Veröffentlichungen und Veranstaltungen.

Der Karneval findet deshalb nicht nur zwischen dem 11. November und Aschermittwoch statt. Während des gesamten Jahres werden Tänze trainiert, Wagen gebaut, Veranstaltungen vorbereitet und Kinder und Jugendliche betreut.

Wie im Kölner Karneval bilden Tradition und moderne Vereinsarbeit keinen Gegensatz. Historische Formen werden erhalten, aber zugleich an neue gesellschaftliche Entwicklungen angepasst.

Kölner Vorbild und Herdorfer Eigenständigkeit

Der Kölner Karneval war für viele Orte im Rheinland ein wichtiges Vorbild. Seine organisierte Form mit Karnevalsgesellschaft, Prinz, Garden, Sitzungen, Umzügen und festen Sessionsabläufen verbreitete sich im 19. und 20. Jahrhundert weit über Köln hinaus.

Auch Herdorf übernahm viele dieser Formen:

  • Prinz Karneval als närrische Tollität
  • eine uniformierte Prinzengarde
  • Tanzmariechen und Gardetanz
  • ein Polkatanzcorps
  • Karnevalssitzungen
  • ein Sessionsmotto
  • den Beginn am 11. November
  • den Rosenmontagszug
  • eine karnevalistische Zeitung
  • Orden und Auszeichnungen

Trotzdem ist der Herdorfer Karneval keine bloße Kopie des Kölner Karnevals.

Die Geschichte seit dem Fastnachtszug von 1878, die Gründung der KG Herdorf im Jahr 1904, die Beteiligung des katholischen Knappenvereins, eigene Karnevalslieder, die Herdorfer Domspatzen, der Narrenspiegel, der Bockorden und der Ruf „Nadda Jöhh“ geben ihm einen unverwechselbaren Charakter.

Tradition und Veränderung

Karneval lebt davon, dass vertraute Rituale wiederkehren. Gleichzeitig war er nie vollständig unveränderlich.

Aus dem Kölner Helden Carneval wurde der Prinz. Aus einzelnen Figuren entwickelte sich das Dreigestirn. Aus einfachen Tanzeinlagen entstand ein anspruchsvoller Tanzsport. Frauen übernahmen Aufgaben, die lange Männern vorbehalten waren, und Kinder- und Jugendgruppen wurden zu wichtigen Bestandteilen der Vereine.

Auch die KG Herdorf hat sich im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verändert. Neue Tanzgruppen entstanden, die Prinzengarde wurde gegründet und neue Formen der Tollität wurden möglich.

Tradition bedeutet deshalb nicht, jeden Brauch unverändert zu bewahren. Sie bedeutet, seine Herkunft zu kennen und ihn verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.

Rheinischer Karneval im Hellertal

Der Herdorfer Karneval steht an einer kulturellen Schnittstelle. Herdorf liegt im Hellertal und geografisch zwischen Siegerland und Westerwald. Karnevalistisch ist die Stadt jedoch deutlich durch die rheinische Tradition geprägt.

Die katholische Geschichte, die Nähe zu rheinischen Karnevalshochburgen und das starke örtliche Vereinsleben begünstigten die Entwicklung eines lebendigen Fastowends.

Kölner Traditionen wurden aufgenommen, aber in die Sprache, Geschichte und Gemeinschaft Herdorfs übersetzt.

Deshalb gehören sowohl die Geschichte des Kölner Karnevals als auch die Geschichte der KG Herdorf zur Erklärung des Herdorfer Fastowends. Köln lieferte viele organisatorische und symbolische Vorbilder. Herdorf entwickelte daraus eine eigene Karnevalskultur.

Heute steht der Herdorfer Karneval für Gemeinschaft, ehrenamtliches Engagement, Kreativität und Lebensfreude.

Oder, wie es im Städtchen heißt:

Nadda Jöhh!Zurück nach oben